Autismus Spektrum Störung (ASS)
Neurodive Lexikon
Was ist Autismus?
Die Autismus-Spektrum-Störung (ASS) ist eine neurobiologische Besonderheit. Sie umfasst verschiedene Ausprägungen, die früher in unterschiedliche Autismus-Formen unterteilt wurden – etwa frühkindlicher Autismus, atypischer Autismus oder das Asperger-Syndrom. Heute sprechen Fachleute vom Autismus-Spektrum, weil die Übergänge fließend sind und jede autistische Person ein einzigartiges Profil von Stärken, Bedürfnissen und Herausforderungen hat.
Wichtig: Auch wenn im medizinischen System noch oft von einer „Störung“ die Rede ist, verstehen viele Autist*innen und die neurodivergente Community ASS nicht als Krankheit, sondern als Variante menschlicher Neurologie. Die eigentliche „Störung“ entsteht oft erst durch die Strukturen unserer Gesellschaft, die nicht für neurodivergente Wahrnehmung und Informationsverarbeitung gemacht sind.
Welche Arten von Autismus gibt es?
Früher galten Asperger-Autismus, frühkindlicher Autismus (Kanner-Autismus) und atypischer Autismus als eigenständige Diagnosen. Mit dem DSM-5 (2013) und der ICD-11 (2022) wurden diese Unterscheidungen aufgehoben. Seitdem werden sie als Autismus-Spektrum-Störung diagnostiziert – mit dem Zusatz, ob eine intellektuelle oder sprachliche Beeinträchtigung vorliegt.
In Deutschland wird jedoch Stand 2025 teilweise noch nach ICD-10 abgerechnet. Das heißt, du kannst offiziell weiterhin eine Diagnose wie „Asperger-Syndrom“ oder „atypischer Autismus“ bekommen. Nach unserem heutigen Verständnis beschreiben alle diese Begriffe aber lediglich unterschiedliche Stellen im Spektrum.
Das im englischsprachigen Raum gebräuchliche Manual DSM-5 unterscheidet 3 Stufen - oder Grade des Unterstützungsbedarfs:
- Schweregrad 1 - Unterstützung erforderlich
- Schweregrad 2 - umfangreicheUnterstützung erforderlich
- Schweregrad 3 - sehr umfangreicheUnterstützung erforderlich
Merkmale, Symptome, autistische Verhaltensweisen
Menschen im Autismus-Spektrum zeigen Merkmale in drei Hauptbereichen:
- Soziale Kommunikation und Interaktion
- explizit als Diagnosekriterium aufgeführt - autistische Entwicklungsstörungen zeigen sich im sozialen Umgang
- Schwierigkeiten beim intuitiven Deuten nonverbaler Signale (Mimik, Gestik, Tonfall)
- Andere Art, Freundschaften aufzubauen und zu gestalten
- Ehrliche, direkte Kommunikation (manchmal missverstanden als unhöflich)
- Small Talk und soziale Rituale werden oft als unverständlich, sinnlos oder herausfordernd erlebt
- Repetitive Verhaltensweisen. Routinen & Spezialinteressen
- explizit als Diagnosekriterium aufgeführt
- Stark fokussierte Interessengebiete (oft mit hohem Detailwissen)
- Bedürfnis nach Routinen und Vorhersehbarkeit
- Repetitive Bewegungen oder Handlungen (”Stimming”, wird zur sensorischen Regulation eingesetzt)
- Intensive Reaktionen auf Veränderungen - gleichbleibende Routinen wirken beruhigend, Änderungen werden oft als überwältigend wahrgenommen
- Sensorische Wahrnehmung
- Diese ist im ICD10/11 kein Diagnosekriterium, es treten aber bei den allermeisten autistischen Personen Besonderheiten auf
- Über- oder Unterempfindlichkeiten gegenüber Geräuschen, Licht, Berührungen oder Gerüchen
- Starke Reizüberflutung in lauten oder unübersichtlichen Umgebungen
- Besondere Vorlieben und als unerträglich empfundene Abneigung bei Texturen, Kleidung oder Nahrungsmitteln
Diese Symptome können bei Kindern sehr deutlich sein (z. B. durch auffälliges Spielverhalten oder Sprachbesonderheiten), während Erwachsene oft Strategien entwickelt haben, um „unauffällig“ zu wirken. Dieses Masking kann jedoch zu Erschöpfung und autistischem Burnout führen.
Diagnoseverfahren
Die Diagnose einer Autismus-Spektrum-Störung erfolgt durch Fachkräfte (Psychiaterinnen, Psychologinnen, spezialisierte Diagnostikzentren). Sie umfasst:
- ausführliche Anamnese (Lebensgeschichte, Entwicklung, Verhalten in Alltag und Kindheit)
- Beobachtung & Interviews (z. B. ADOS)
- Fragebögen & Tests
- Ausschluss anderer Ursachen, oder Feststellen von Komorbitäten wie ADHS (zusammen ergeben ASS und ADHS spezielle Herausforderungen, die als AuDHS bezeichnet werden), Depressionen, Migräne, Angst- oder Schlafstörungen u.a..
Online Tests und Selbsttests
Online-Selbsttests können eine erste Orientierung geben, sind aber keine offizielle Diagnose. Sie können dir helfen, deine eigenen Muster zu erkennen und dich auf ein Gespräch vorzubereiten. Da es vielerorts sehr schwer und langwierig ist, einen Termin für die Diagnostik zu bekommen, ist das Einordnen der eigenen Erfahrung ein hilfreicher Zwischenschritt. Beispiele für Online Fragebögen:
- RAADS-R (Ritvo Autism and Asperger Diagnostic Scale – Revised) – ein Screening-Instrument für Autismus.
- CAT-Q (Camouflaging Autistic Traits Questionnaire) – erfasst, in welchem Ausmaß autistische Menschen ihr Verhalten maskieren. Besonders relevant, da Masking die Diagnose oft verzögert.
- AQ (Autism Quotient)
Diagnosen im ICD-10: F84 – Tiefgreifende Entwicklungsstörungen
Im alten ICD 10 fallen die Ausprägungen des Autismus Spektrum unter die F84 Diagnosen - “tiefgreifende Entwicklungsstörungen”. Im ICD 10 wurde ncoh unterschieden zwischen Frühkindlichem Autismus (Kanner-Syndrom, F84.0), atypischem Autismus (F84.1) und Asperger-Syndrom (F84.5). Zum Teil wird auch heute (Stand 2025) noch nach dem ICD 10 abgegerechnet und es kann sein, dass du einen dieser Codes auf deiner Diagnose findest.
Hier eine Übersicht der F84 Diagnosen des ICD10:
| Code | Bezeichnung | Kurzbeschreibung |
|---|---|---|
| F84.0 | Frühkindlicher Autismus (Kanner-Syndrom) | Beginn vor dem 3. Lebensjahr. Deutliche Auffälligkeiten in sozialer Interaktion, Kommunikation und stereotype Verhaltensmuster. |
| F84.1 | Atypischer Autismus | Autistische Merkmale vorhanden, aber Beginn nach dem 3. Lebensjahr oder nicht in allen Kernbereichen. |
| F84.2 | Rett-Syndrom | Seltene genetische Störung (fast ausschließlich bei Mädchen). Normale Entwicklung in den ersten Lebensmonaten, danach Verlust erworbener Fähigkeiten, schwere motorische und kognitive Beeinträchtigung. |
| F84.3 | Andere desintegrative Störung des Kindesalters (Heller-Syndrom) | Normale Entwicklung über mindestens 2 Jahre, dann plötzlicher Verlust zuvor erworbener Fähigkeiten (Sprache, Motorik, Sozialverhalten). |
| F84.4 | Überaktive Störung mit Intelligenzminderung und Bewegungsstereotypien | Kombination aus starker Hyperaktivität, intellektueller Beeinträchtigung und repetitiven Bewegungen. |
| F84.5 | Asperger-Syndrom | Autismus-Spektrum mit durchschnittlicher oder überdurchschnittlicher Intelligenz und keiner verzögerten Sprachentwicklung. |
| F84.8 | Sonstige tiefgreifende Entwicklungsstörungen | Auffälligkeiten, die nicht genau in die anderen Kategorien passen. |
| F84.9 | Nicht näher bezeichnete tiefgreifende Entwicklungsstörung | Wenn Merkmale vorliegen, aber keine genauere Diagnose gestellt werden kann. |
ASS bei Frauen und marginalisierten Gruppen
Noch immer wird Autismus bei Frauen, nicht-binären und trans Personen seltener und später erkannt. Einerseits, weil stereotype Vorstellungen von „typischem Autismus“ (meist männlich, frühkindlich, auffällig) dominieren. Andererseits, weil viele Betroffene sehr stark maskieren und Strategien entwickeln, um in einer neurotypischen Welt zurechtzukommen.
Das führt dazu, dass ASS bei Frauen häufig erst im Erwachsenenalter diagnostiziert wird – teilweise erst nach einer langen Reihe anderer Erkrankungen wie Depressionen, Burnout oder anderen Folgeproblemen.
Behandlung und Unterstützung
ASS ist keine Krankheit, und nichts was „geheilt“ werden kann oder sollte. Stattdessen geht Autismus mit neurologischen Besonderheiten einher, die die eigene Wahrnehmung stark beeinflussen. Daher gibt es keine autistische Person ohne ihren Autismus - dieser ist integraler Bestandteil ihres Selbst. Viele Autist*innen bevorzugen aus genau diesem Grund eine Ausdrucksweise, in der von “autistischen Personen” die Rede ist und nicht von “Personen mit Autismus”. Denn letzteres suggeriert eine Krankheit und Heilbarkeit - was in der Vergangenheit zu traumatisierenden Behandlungsmethoden wie der ABA-”Therapie”geführt hat.
Ziel jeder Unterstützung ist es stattdessen, Lebensqualität zu steigern und die individuelle Umgebung an die Bedürfnisse der autistischen Person anzupassen. Dazu gehören:
- Therapie & Coaching (zur Unterstützung bei Stress, Ängsten, Übergängen)
- Ergotherapie & Logopädie (Alltag, Kommunikation, sensorische Integration)
- Medikation (diese kann bei begleitenden Problemen wie ADHS, Depression, Anlgst- oder Schlafstörungen hilfreich sein)
- Community & Peer-Support (Austausch mit anderen Autist*innen, Selbsthilfegruppen, Online-Communities)
Leben mit ASS
Autismus bedeutet nicht nur Herausforderungen, sondern auch viele Stärken:
- Präzision und Detailgenauigkeit
- Ehrlichkeit und Authentizität
- Kreativität und tiefes Wissen in Spezialgebieten
- Systematisches, logisches Denken
- Fähigkeit, außerhalb gewohnter Denkmuster Lösungen zu finden
Autistische Menschen bereichern unsere Gesellschaft – wenn ihre Besonderheiten respektiert werden und sie Strukturen vorfinden, die nicht auf Maskierung und Anpassung setzen, sondern auf Neuro-Respekt.
Autismus Vortrag & weiterführende Ressourcen
Die Autismus-Forschung entwickelt sich kontinuierlich weiter, und unser Verständnis für das Autismus-Spektrum vertieft sich stetig.
Wenn du englisch sprichst, erhältst du im Referat unten einen guten Überblick über unsere aktuelle Sicht auf Autismus bzw. ASS.
Weiter untern verlinke ich dir eine einige Buchempfehlungen, wenn du dich weiter mit dem Thema auseinandersetzen willst-
(Links sind Affiliate Links)
Genereller Disclaimer
Die Informationen in diesem Lexikon-Eintrag basieren auf meinen persönlichen Recherchen und Erfahrungen als neurodivergente Person. Ich bin eine "random person on the internet" und keine medizinische Fachkraft. Dieser Beitrag ersetzt keine professionelle medizinische, therapeutische oder psychologische Beratung.
Mein Ziel ist es, Wissen und Verständnis für neurodivergente Erfahrungen zu teilen - nicht, medizinische Ratschläge zu geben. Jede Person ist einzigartig, und was für mich oder andere funktioniert, muss nicht zwangsläufig für dich passen.
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