Manches versteht man erst hinterher.
Es gibt eine Sache, die für die meisten Leute völlig normal ist - die mich aber jahrzehntelang unfassbar viel Energie gekostet hat. Erst als ich - nach meiner ADHS Diagnose im Erwachsenenalter - mich zusätzlich mit ASS (Autismus Spektrum Störung) befasste, hab ich verstanden, was mein Hirn bei jeder Begegnung in einen Freeze Modus versetzt.
Was diese kleine Sache ist?
Blickkontakt.
Ich meine damit kein harmloses "Ich mag Blickkontakt nicht so gern."
Für mich fühlt sich Augenkontakt an, als würde mir jemand ohne Vorwarnung sehr nahe kommen - als würde sich das Gesicht meines Gegenübers plötzlich um meinen Kopf schmiegen. Das Gefühl ist intim, invasiv und verwirrend.
Mit Augenkontakt ist klares Denken kaum noch möglich. Dabei weiß ich genau, wie von mir erwartet wird zu reagieren: höflich, interessiert und präsent. Empathie zeigen, lächeln, Gesten des Gegenübers spiegeln. Ich kann diesen Eindruck auch erzeugen, wenn es im beruflichen Kontext nötig ist. Oft schaue ich dabei aber nicht in die Augen, sondern auf die Stirn - und am besten klappt es, wenn das Gespräch eine klare Zielrichtung hat.
Schwieriger wird es dagegen, wenn es wirklich um etwas geht. Wenn ich verhandeln muss, diskutieren, oder Gedanken neu formulieren. Wenn ich nicht auf erprobten Gesprächsbausteinen aufbauen kann.
Dann ertappte ich mich oft beim an-die Wand-starren. Oder andere ertappten mich. Ich habe längst aufgehört zu zählen, wie oft mein Mann und Freunde mich irritiert gefragt haben, was es denn da hinten zu gucken gäbe und warum ich sie nicht anschaue, wenn wir miteinander reden.
Also bemühte ich mich, zu gucken. Jahrzehntelang. Ist ja wichtig, ne?
Dummerweise passiert beim In- die-Augen-Gucken eine komplette Verschiebung in meiner Aufmerksamkeit. Statt Gedanken zu formulieren, versuche ich verzweifelt, die sensorische Überforderung zu regulieren.
Wie würde es dir gehen, wenn dich das Gesicht des Gegenübers plötzlich anspringt und sich um deinen Kopf wickelt? Mir geht dabei in der Regel das verloren, was ich eigentlich sagen wollte. Nach außen wirke ich dann entweder sehr ruhig (weil ich nichts mehr sage), oder zumindest ein wenig langsamer im Denken, als ich eigentlich bin. In Auseinandersetzungen kann Augenkontakt meine gesamte Fähigkeit lahmlegen, Standpunkte zu formulieren und meine Meinung zu sagen.
Die autistische Youtuberin Megan Foley beschreibt die Erfahrung von autistischem Masking in Gesprächen - wozu auch Augenkontakt gehört - sehr treffend im folgenden Kurzvideo. Man sieht dort, wie viel Kapazität es benötigt, als autistische Person sozial angemessen zu agieren - vom eigenen Unbehagen einmal völlig abgesehen:
Stille Last und überschrittene Grenzen
Den größten Teil meines Lebens habe ich also versucht, mich anzupassen. Natürlich – so macht man das doch: Blickkontakt halten, wenn jemand spricht. "Sei nicht so verschlossen", "hör zu", "zeig Interesse." Weil es so erwartet wurde, habe ich Augenkontakt gehalten - auch dann, wenn ich mich am liebsten abgewendet hätte. Und auch dann noch, wenn alles in mir wegrennen wollte. "Zu viel, zu nah, zu schnell."
Das Tragische im Rückblick: Ich habe nicht einmal gemerkt, dass ich mich überfordere - weil ich es nicht anders kannte. Die ganzen Ratgeber für soziale Interaktion, die ich verschlang, machten es nicht besser - von "Guten ersten Eindrücken" bis zu "Erfolgreich auftreten im Job" war Augenkontakt immer vertreten. Die Rückmeldungen waren in der Regel ok, und mit 40 hatte ich die passenden Verhaltensweisen ausgiebig trainiert und galt im Job sogar als Kommunikationstalent.
Aber warum war ich ständig erschöpft? Warum rutschte ich von einer Dauererkältung in die nächste?
Erst als ich anfing, meinen Stresslevel mit dem Fitness Tracker zu messen, fiel auf, dass etwas nicht stimmte. Ich begann eine Therapie - mit dem Wunsch, die Kapazität meiner sozialen Batterie zu vergrößern.
Denn nach jedem Gespräch klebte mein Stresslevel ganz oben fest. Oft schloss ich mich auf dem Klo ein, um mich mal eben zu regulieren. Oder tigerte in der Wohnung auf und ab, um ein banales Gespräch zu verarbeiten. Stundenlang.
Ich wusste damals nichts von meinen autistischen Zügen. Sie wurden erst im weiteren Verlauf unübersehbar.
Seither hat sich etwas geändert: Ich zwinge mich seltener zu Augenkontakt. Als ich anfing, ihn bewusst zu hinterfragen und langsam zu reduzieren - da fiel erst auf, wie viele Fähigkeiten er mir regelmäßig geklaut hatte.
Fähigkeiten, die ich eigentlich besaß, die aber keinen Raum bekamen, weil mein Gehirn mit In-die Augen-Schauen-und-den-überwältigenden-Input-Verarbeiten beschäftigt war.
Seit ich mir erlaube, wegzugucken, erlebe ich in Gesprächen mehr Klarheit und mehr Schlagfertigkeit. Ich bin seltener blockiert, finde Worte leichter, und sacke nach dem Gespräch nicht erschöpft zusammen.
Plötzlich kann ich Gedanken zu Ende denken, Sätze formulieren, die mir früher erst drei Stunden später eingefallen wären, und humorvoll kontern, ohne mich dabei selbst zu verlieren.
Wenn Augenkontakt uns klein macht
Augenkontakt - oder das Verzichten darauf - ist für Autist*innen keine simple Vorliebe. Es geht um Ressourcen.
Augenkontakt hält mein Gehirn so sehr auf Trab, dass andere Prozesse heruntergefahren werden: Sprache, Impulskontrolle, Schlagfertigkeit, und am Ende Selbstbewusstsein. Die Konsequenz im Alltag ist verheerend.
Ich bin mir sicher: Viele Autist*innen - vor allem die undiagnostizierten, spät erkannten - werden als weniger kompetent wahrgenommen, als sie eigentlich sind. Als still, unsicher, und langsam. Und warum? Weil wir uns auf eine Norm konzentrieren müssen, die nicht für uns gemacht ist. Augenkontakt ist dabei nur ein Aspekt - aber einer, an dem wir konkret ansetzen können.
Noch immer zwingen sich viele Autist*innen - und auch Leute mit ADHS & Co. - den Erwartungen der Gesellschaft zu genügen. Wer das nicht tut, fällt negativ auf. Damit bleibt dem neurodivergenten Brain nur die Wahl zwischen lose und lose - entweder anpassen, Masking bis zur Erschöpfung, und die eigenen Grenzen missachten - oder als unsozial bezeichnet werden, gemieden werden, und gereizte "Du guckst mich ja nicht mal an"- Kommentare.
Masking - also das Anpassen und Verbergen dess Anders-Seins - scheint im ersten Moment als die bessere Wahl zu sein. Aber es führt in eine Abwärtsspirale: Wir sind schneller überfordert als nötig, weil uns unwichtige Details wie Augenkontakt überproportional viel Energie kosten. Wir denken und formulieren dadurch schlechter. Wir können unsere Gedanken nicht mitteilen, unseren Standpunkt nicht darlegen. Wir unterliegen in Auseinandersetzungen. Und wer sich immer wieder als "unterlegen" erlebt - wer merkt, dass er nicht gehört, nicht ernst genommen, nicht gesehen wird - geht in den nächsten sozialen Kontakt mit weniger Selbstvertrauen hinein. Mit mehr Cortisol im Blut und weniger Spielraum für Authentizität. Nicht cool. Wie können wir diesen krankmachenden Zyklus durchbrechen?
Statt Augenkontakt: Was wir Kindern (und uns selbst) wirklich beibringen sollten
Die Dynamik des Anpassens beginnt erschreckend früh. In der Schule, im Kindergarten und zu Hause hören Kinder: "Schau mich an, wenn ich mit dir spreche."
Was als Höflichkeit empfunden wird, kann für neurodivergente Kinder eine Grenzverletzung sein. Schlimmer noch: Sie lernen da im Kleinen, ihre eigenen körperlichen Signale zu ignorieren, zu funktionieren und sich anzupassen – auch wenn es weh tut.
Später wundern wir uns dann, dass diese Kinder keine klaren Grenzen setzen können. Dass sie nicht spüren, was ihnen guttut, und nicht wissen, wie sie sich abgrenzen sollen. Aber wie sollen sie das können, wenn wir ihnen jahrelang beibringen, dass das eigene Unbehagen nichts zählt?
Neuro-Respekt heißt: Nicht schauen müssen
Für mich ist Augenkontakt ein Schlüsselbeispiel für das, was ich Neuro-Respekt nenne:
Anerkennen, dass Menschen unterschiedlich ticken.
Ein Mensch, der beim Sprechen auf den Boden schaut, kann genauso interessiert sein wie jemand mit offenem Blick. Jemand, der in die Ferne starrt, hört vielleicht gerade besser zu als jemand mit perfekt "sozialem" Verhalten.
Wenn du bis hierhin gelesen hast, hast du vielleicht ähnliche Erfahrungen gemacht oder ganz andere. Aber vielleicht ist dieser Text ein Impuls, mal hinzuspüren: Was kostet dich eigentlich wie viel Energie – und für wen? Du darfst auf dich hören. Besonders im privaten darfst du weniger schauen - und vieleicht kannst du dadurch mehr sagen, mehr beitragen und ehrlichere Verbindungen aufbauen.
Und wenn du von der anderen Seite draufschaust - dich selbst als neurotypisch empfindest und dich immer nur gewundert und geärgert hast über ungehobelte Mitmenschen, die dich nichtmal richtig ansehen - vielleicht bist du in Zukunft ein wenig nachsichtiger mit uns. Es gibt da draußen Menschen, die wollen mit dir reden. Aber sie können es nur, wenn sie dabei woanders hingucken dürfen.
